Ein Mann sitzt vor einem leeren Teller und ist "hangry", weil hungrig und somit schlecht gelaunt. Im Hintergrund eine Spiegelung mit ihm in besserer Stimmung beim Essen.

Wie Hunger unsere Stimmung beeinflusst

Hunger macht reizbar und aggressiv; nicht umsonst spricht man im Internet längst vom sogenannten „Hangry“-Phänomen, also dem Zustand, hungrig und wütend gleichzeitig zu sein. Was zunächst wie ein humorvoller Begriff aus der Alltagssprache klingt, beschreibt ein weit verbreitetes und wissenschaftlich relevantes Phänomen. Lange wurde angenommen, dass dafür vor allem ein niedriger Blutzuckerspiegel verantwortlich ist. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch, dass der Zusammenhang komplexer ist.

Zunehmende Reizbarkeit bei Hunger

Grundsätzlich signalisiert Hunger zunächst einmal eins: Energiemangel. Die verfügbaren Energiereserven sind aufgebraucht, und um weiterhin optimal arbeiten zu können, benötigt der Körper Nahrung. Eng mit diesem Energiemangel verknüpft ist der Blutzuckerspiegel, der die momentane Verfügbarkeit von Glukose, der wichtigsten Energiequelle des Gehirns, widerspiegelt. Wird Nahrung zugeführt, stellt sich ein Sättigungsgefühl ein, und über neurobiologische Prozesse wie die Freisetzung von Serotonin wird das emotionale Gleichgewicht stabilisiert, sodass wir uns ruhig und zufrieden fühlen. Bleibt die Nahrungszufuhr jedoch erstmal aus, kann sich auch das auf die Stimmung auswirken: Die Reizbarkeit nimmt zu; negative Emotionen wie Wut oder Trauer treten häufiger auf. 

Doch wie genau hängen Blutzuckerspiegel, Hungergefühl und Stimmung zusammen? Ein Forschungsteam der Universität Bonn und der Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Bonn ist dieser Frage in einer aktuellen Studie nachgegangen. Dabei wurde bei 90 gesunden Erwachsenen über einen Zeitraum von vier Wochen mithilfe von Glukosesensoren kontinuierlich der Glukosespiegel gemessen, heißt es in einer Mitteilung der Universität Bonn. Parallel dazu erfassten die Forschenden regelmäßig Daten zur Nahrungsaufnahme sowie zum subjektiven Empfinden von Stimmung, Hunger und Sättigung im Alltag der Teilnehmenden.

Neue Therapieansätze durch Training der Körperwahrnehmung

Die Forschenden sehen hier eine Chance für künftige Therapieansätze: „Viele Erkrankungen wie Depression oder Adipositas gehen mit veränderten Stoffwechselprozessen einher“, erklärt Korrespondenzautor Professor Nils Kroemer in der Veröffentlichung der Universität Bonn. „Ein besseres Verständnis dafür, wie Körperwahrnehmung und Stimmung zusammenhängen, kann langfristig helfen, Therapieansätze zu verbessern – etwa durch gezieltes Training der Interozeption oder nicht-invasive Stimulation des Vagusnervs, der die Organe mit dem Gehirn verbindet und die Interozeption beeinflusst.“ 

Kurz gesagt: Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass unser Blutzuckerspiegel allein nicht direkt unsere Stimmung beeinflusst. Vielmehr ist das subjektive Hungergefühl entscheidend, also wie stark der Energiemangel wahrgenommen wird. Besonders interessant ist, dass eine gute Körperwahrnehmung hier eine wichtige Rolle spielt, denn wer seine inneren Signale besser spüren kann, scheint auch emotional stabiler zu bleiben.

Individuelle Wahrnehmung wichtiger als physiologischer Wert

Es zeigte sich, dass ein niedriger Blutzuckerspiegel tatsächlich häufig mit schlechter Stimmung einherging. Allerdings wurde dieser Zusammenhang deutlich abgeschwächt, wenn das subjektive Hungergefühl der Teilnehmenden in der Auswirkung berücksichtigt wurde. „Wenn der Glukosewert sinkt, verschlechtert sich auch die Stimmung. Aber dieser Effekt entsteht nur, weil die Menschen sich dann auch hungriger fühlen“, so Dr. Kristin Karduk, Erstautorin der Studie und Postdoktorandin an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen in der entsprechenden Pressemitteilung. „Das heißt: Nicht der Glukosewert selbst hebt oder senkt die Stimmung – sondern wie stark wir diesen Energiemangel bewusst wahrnehmen.“

Besonders wichtig erwies sich die Interozeption, also unsere Wahrnehmung der Signale aus dem Körperinneren. Zu diesen Signalen zählen zum Beispiel ein schneller Herzschlag oder eine Veränderung der Atmung, was dann wiederum von der Insula im Gehirn (also der sogenannten Inselrinde, die für Emotionen und Sensorik bedeutend erscheint) weiterverarbeitet und mit Gefühlen wie Angst verknüpft wird. Die Studie zeigte, dass eine ausgeprägtere interozeptive Wahrnehmung mit geringeren Stimmungsschwankungen assoziiert war. Personen, die ihre inneren Körpersignale besser wahrnahmen, zeigten bei vergleichbaren Glukosewerten also eine stabilere Stimmung als Teilnehmende mit geringerer interozeptiver Sensivität. 

Mehr zum “Hangry”-Phänomen finden Sie hier.

Mehr aus dieser Rubrik

Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und das Universitätsklinikum Bonn konnten vor Kurzem erstmals einen Stressfaktor im Gehirn direkt…

Weiterlesen

Weniger ist oft mehr — das stimmt durchaus. Die Tugend der Mäßigung ist also grundsätzlich wichtig.

Aber sie sollte sich nicht in einer Art…

Weiterlesen

Eine neue Studie der Medizinischen Universität Silesia in Kattowitz, Polen, hat 744 Erwachsene, darunter 452 Frauen, auf ihre jeweilige…

Weiterlesen

Viele Verbraucherinnen und Verbraucher setzen sich mit Fragen zur Rolle von Süßwaren in der Ernährung auseinander. Diese sollten aus Sicht der…

Weiterlesen

Über vier von fünf Deutschen erwarten einen hohen Zuckergehalt in Süßwaren. Auch wissen Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland, dass es sich…

Weiterlesen

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Charité Universitätsmedizin Berlin ist es erstmals gelungen, den entscheidenden Schalter für die…

Weiterlesen