Gesteuert werden viele metabolische Prozesse im Körper durch den sogenannten zirkadianen Rhythmus, also unsere innere Uhr. Nicht nur was wir essen, sondern auch wann wir essen, spielt dabei eine Rolle. Moderne Lebensweisen mit unregelmäßigen Essenszeiten, spätem Snacken oder künstlichem Licht können diesen natürlichen Taktgeber stören. Ein Forschungsansatz, der sich mit genau diesen Zusammenhängen beschäftigt, ist die Chrononutrition, also eine Ernährungsweise, die biologische Rhythmen und feste Zeitfenster berücksichtigt. Wie genau das Zusammenspiel von Hell-Dunkelphasen und unserem Essverhalten funktioniert, haben wir bereits in diesem Beitrag ausführlich beleuchtet.

Wie das Mahlzeiten-Timing unsere Gene steuert
Das Fettgewebe tickt morgens anders als abends
Eine Studie des Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam – Rehbrücke (DIfE) in Zusammenarbeit mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat nun untersucht, wie sich Kohlenhydrate und Fette zu unterschiedlichen Tageszeiten auf die Aktivität von Genen im Fettgewebe auswirken. Dafür wurden 29 übergewichtige, nicht an Diabetes erkrankte Männer über insgesamt zwei Studienphasen hinweg untersucht. In einer Phase erhielten die Teilnehmer morgens und mittags kohlenhydratreiche sowie nachmittags und abends fettreiche Mahlzeiten. In der zweiten Phase wurde dieses Muster umgekehrt. Bei 15 Teilnehmern wurden dreimal täglich Proben aus dem Unterfettgewebe entnommen, woraufhin das Transkriptom analysiert wurde, also das dynamische, immer veränderliche Abbild aller Genaktivitäten von RNA-Molekülen in einer Zelle oder in einem Gewebe.
Das Ergebnis: Die Tageszeit könnte für Stoffwechselprozesse eine noch wichtigere Rolle spielen als bisher angenommen. Die Analyse zeigte, dass die Aktivität von über 1.000 Genen im Fettgewebe nicht nur einem natürlichen Tagesrhythmus folgt, sondern auch davon beeinflusst wird, wann bestimmte Nährstoffe aufgenommen wurden. Die Forscherinnen und Forscher fanden Hinweise darauf, dass die Zusammensetzung der Mahlzeiten diese biologischen Rhythmen beeinflusst. Je nachdem, ob Kohlenhydrate und Fette jeweils eher zu Beginn oder zum Ende des Tages verzehrt wurden, veränderte sich die Aktivität verschiedener Gene und Stoffwechselwege. Anders gesagt: Das Fettgewebe arbeitet morgens anders als abends.
Das Forschungsteam beobachtete, dass eine fettreichere Nährstoffzufuhr am Morgen und eine kohlenhydratreichere am Abend mit günstigeren Stoffwechselreaktionen verbunden sein könnten. Wurden hingegen Kohlenhydrate morgens und fettreiche Kost am Abend verzehrt, wurde eine erhöhte Aktivität von Entzündungsgenen festgestellt, was langfristig Übergewicht und Typ-2-Diabetes begünstigen könnte.
Neue Impulse für die Forschung
Die Studie reiht sich damit in ein wachsendes Forschungsfeld ein, bei dem das Timing der Nahrungsaufnahme stärker in den Fokus rückt. Gleichzeitig erteilt die Studie pauschalen, vereinfachten Ratschlägen eine Absage: Sie unterstreicht, wie hochkomplex und individuell das Thema Stoffwechsel ist. Die Entstehung von Übergewicht lässt sich nicht auf eine einfache Formel reduzieren. Ob und wie stark das Nährstoff-Timing im Einzelfall wirkt, bleibt von vielen individuellen Faktoren abhängig, darunter genetischer Disposition, Lebensstil, Schlafverhalten und körperliche Aktivität sowie Stress-Management bzw. Entspannung.
Die neuen Erkenntnisse verdeutlichen einmal mehr, dass einfache Erklärungen und pauschale Lösungen beim Thema Ernährung und Übergewicht zu kurz greifen. Ernährung bleibt Maßarbeit und individuell.