Alle nehmen die Rolltreppe; keiner läuft die Treppe. Bewegungsarmut in Deutschland.

Warum ein wachsender Fitnessmarkt das Problem nicht löst

Deutschland diskutiert über Prävention, Gesundheitsförderung und Fitnessboom. Gleichzeitig bewegen sich viele Menschen weiterhin zu wenig. Genau hier setzt eine neue in Nature Health im März 2026 veröffentlichte Studie von Forschenden verschiedener Disziplinen aus den USA, Australien, Irland, Deutschland, den Niederlanden, Peru und Neuseeland sowie Norwegen an: Weltweit wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwar mehr politische Strategien zur Förderung körperlicher Aktivität verabschiedet, die tatsächliche Umsetzung bleibt jedoch oft lückenhaft. Für den deutschen Markt ist das hochrelevant, denn auch hier wächst zwar das Angebot, aber der gesellschaftliche Effekt bleibt begrenzt.

Was zeigt die „Nature-Health“-Studie?

Das Wissenschaftsteam wertete 661 politische und öffentlich-rechtliche Dokumente aus 200 Ländern aus und ergänzte sie durch Experteneinschätzungen. Das zentrale Ergebnis: Es gibt zwar mehr politische Aufmerksamkeit für Bewegung, aber zu wenig konsequente Umsetzung. Nur ein kleiner Teil der Strategien ist wirklich umfassend angelegt, also mit klaren Zuständigkeiten, sektorübergreifender Zusammenarbeit, Budgets, Zeitplänen und messbaren Verantwortlichkeiten.

Der entscheidende Punkt ist damit nicht mangelndes Wissen über die Vorteile von Bewegung. Das eigentliche Defizit liegt in der politischen und institutionellen Umsetzung.

Auch die Analyse des multinationalen Forschungsteams zeigt eine unklare Führung und schwache Umsetzung auf. Dabei ist Deutschland keineswegs inaktiv im politischen Sinn. Es gibt nationale Bewegungsempfehlungen seit 2016/2017, seit dem Jahr 2022 einen „Runden Tisch Bewegung und Gesundheit“, seit 2025 die geförderte Weiterentwicklung der nationalen Empfehlungen und laut Fachüberblick des Journal of Health Monitoring auch eine geplante nationale Kompetenzstruktur, die allerdings auf Bundesebene bislang nicht umgesetzt ist. 

Verbreiteter Bewegungsmangel von jung bis alt

Laut WHO-Factsheet für Deutschland erfüllen nur 26 Prozent der Erwachsenen die kombinierte Empfehlung aus Ausdaueraktivität und Muskelkräftigung, selbst die reine Ausdauerkomponente erreichen lediglich 48 Prozent. Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich ein noch schlechteres Bild: In den MoMo-Daten (das Motorik-Modul (MoMo) ist ein Teilmodul des bundesweiten, repräsentativen Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) des Robert Koch-Instituts (RKI)) erreichen im Schnitt nur 32 Prozent der 6- bis 17-Jährigen die WHO-Empfehlung von durchschnittlich 60 Minuten moderater bis intensiver Bewegung pro Tag. Besonders drastisch ist der Einbruch im Jugendalter: Bei 14- bis 17-Jährigen liegt der Anteil nur noch bei 13,6 Prozent.

Unsere Herausforderung: viele Initiativen, zu wenig Durchgriff

Deutschland hat keinen Erkenntnismangel. Es scheint vielmehr Koordinationsschwierigkeiten zu geben. Zwischen Bund, Ländern, Kommunen, Krankenkassen, Bildungssystem, Sportorganisationen, Gesundheitsversorgung und Verkehrspolitik gibt es zahlreiche Zuständigkeiten, aber selten eine konsequent gesteuerte Gesamtlogik. Genau das beschreibt auch die in Nature Health veröffentlichte Studie mit dem Titel: „Weltweit geringe körperliche Aktivität trotz zwei Jahrzehnten politischer Fortschritte“ als zentrales Hindernis: unklare Führung, schwache sektorübergreifende Partnerschaften und eine zu enge Verortung von Bewegung allein im Gesundheitsbereich.

Für den deutschen Markt bedeutet das: Solange Bewegung als Einzelthema von Sport, Prävention oder Eigenverantwortung behandelt wird, bleibt die Wirkung begrenzt.

Bewegungsmangel in Deutschland: Die Versorgung wächst, die Aktivität nicht

Besonders interessant ist die Marktperspektive. Der deutsche Fitness- und Gesundheitsmarkt wächst. Studios, Gesundheitsanbieter und Präventionsformate profitieren von einer vermeintlich steigenden Nachfrage. Gleichzeitig bleibt das Aktivitätsniveau in der Bevölkerung unzureichend.

Das ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis auf die Reichweitenbegrenzung des bestehenden Marktes. Das Wachstum erreicht vor allem jene Gruppen, die bereits gesundheitsaffin, urban, einkommensstärker oder organisatorisch gut anschlussfähig sind. Die eigentlichen Inaktivitätsrisiken liegen jedoch oft in anderen Bevölkerungsgruppen: bei Jugendlichen, Menschen mit geringeren Ressourcen, Personen mit hoher Arbeitsbelastung oder in bewegungsarmen Alltagsumgebungen.

Was die Studie für den deutschen Fitness- und Gesundheitsmarkt bedeutet

Für Unternehmen, Anbieter und Entscheider in Deutschland ist die Botschaft der Studie ziemlich klar: Die größten Chancen liegen nicht im nächsten austauschbaren Bewegungsangebot, sondern in integrierten Modellen, die Bewegung systematisch in den Alltag einbauen.

  1. Körperliche Aktivität muss alltagsnäher gedacht und umgesetzt werden
    Anbieter, die nur auf klassische Studio- oder Kurslogiken setzen, begrenzen ihr eigenes Potenzial. Zukünftiges Wachstum entsteht dort, wo Bewegung niedrigschwellig, flexibel und alltagskompatibel angeboten wird.
  2. Prävention braucht sektorübergreifende Modelle
    Erfolgreiche Lösungen verbinden Gesundheitswesen, Arbeitgeber, Schulen, Kommunen, Vereine und Mobilität. Genau diese sektorübergreifende Architektur fehlt in Deutschland bislang zu oft.
  3. Der Markt muss über die Kernzielgruppe hinausdenken
    Wer nur die ohnehin Aktiven adressiert, skaliert ökonomisch begrenzt und gesundheitspolitisch fast gar nicht. Die größere Hebelwirkung liegt bei bislang unterversorgten Gruppen.
  4. Bewegung ist auch ein Infrastrukturthema
    Gehen, Radfahren, Schulwege, Stadtplanung, Arbeitsumgebungen und öffentliche Räume beeinflussen körperliche Aktivität stärker, als viele klassische Kampagnen es je könnten. Wer nur Kommunikation optimiert, aber die Umgebung nicht verändert, produziert Aufklärung ohne Wirkung. Da kann Deutschland noch besser werden.
    Genau deshalb ist die neue Studie auch für den deutschen Markt so relevant. Sie verschiebt den Blick weg von der simplen Forderung nach mehr Motivation und hin zu einer systemischen Frage: Wie wird Bewegung so organisiert, dass sie breite Bevölkerungsgruppen tatsächlich erreicht?

Die eigentliche Marktchance in Deutschland

Für den deutschen Markt liegt die Chance in einem Perspektivwechsel. Bewegung darf nicht länger nur als Produkt verkauft werden. Sie muss als integrierte Gesundheits-, Infrastruktur- und Alltagspraxis gedacht werden.

Das eröffnet Chancen für:

  • Fitness- und Gesundheitsanbieter, die stärker mit Krankenkassen, Unternehmen und Kommunen kooperieren
  • Arbeitgeber, die Bewegung nicht als Benefit, sondern als Teil der Arbeitsorganisation verstehen
  • Städte und Kommunen, die aktive Mobilität und bewegungsfreundliche Räume ausbauen
  • Versorger und Präventionsakteure, die Bewegung gezielt in Versorgungspfade integrieren

Wer in Deutschland in den nächsten Jahren Marktanteile, Relevanz und Wirkung aufbauen will, sollte genau dort ansetzen.

Fazit

Die neue Studie „Weltweit geringe körperliche Aktivität trotz zwei Jahrzehnten politischer Fortschritte“ sendet eine klare Botschaft: Mehr Strategien bedeuten noch lange nicht mehr Bewegung. Für Deutschland ist das besonders brisant. Der Markt wächst, die Zahl der Angebote steigt, das Thema ist politisch präsent und dennoch bleibt der Effekt auf Bevölkerungsebene begrenzt.

Der deutsche Markt steht deshalb vor einer einfachen, aber unbequemen Wahrheit: Mehr Fitnessangebote allein reichen nicht. Entscheidend ist, ob Bewegung im Alltag, in Strukturen und in Zuständigkeiten verankert wird. Erst dann wird aus einem wachsenden „Fitnessmarkt“ auch ein aktiveres Land.

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