Dr. Eva Derndorfer ist ausgewiesene Genuss-Expertin

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Frau Dr. Derndorfer, was bedeutet für Sie Genuss?

Intensive Sinneswahrnehmungen – nicht nur, aber auch beim Essen und Trinken, und oft verbunden mit anderen Menschen und gerne mit dem Gesicht in der Sonne. Täglich etwas zu genießen steigert das Wohlbefinden, und ich bin davon überzeugt, dass das Genießen per se, unabhängig von der Art des Genusses, auch gesundheitsfördernd ist. Sich täglich Genussmomente zu schaffen ist also zutiefst nützlich, besonders an stressigen Tagen.

 

Eine der 7 goldenen Genuss-Regeln nach Dr. Lutz lautet: Weniger ist mehr! Doch was heißt das? Wie viel weniger ist das richtige Maß? Oder wann wäre etwas zu viel?

Wie schön, dass es den Konjunktiv gibt: Wenn das so einfach zu beantworten wäre, dann würde diese Antwort überall kursieren. Aber jede(r) von uns ist anders, isst anders, bewegt sich unterschiedlich viel, arbeitet unterschiedlich viel, schläft unterschiedlich viel, ist unterschiedlich sozial aktiv, und, und, und.

Am Beispiel Süßwaren: Macht es Sinn, zu sagen, eine bestimmte Menge Schokolade pro Woche ist für alle das richtige Maß? Egal, ob jemand mehrmals die Woche läuft oder ein Couch-Potatoe ist, ob jemand sonst ausgewogen isst oder nicht? Wohl nicht. Wieviel „weniger“ mehr ist, ist also höchst individuell. Und dennoch würde ich den Satz „Weniger ist mehr“ 1:1 unterschreiben. Denn es geht darum, sich bewusste Genussmomente zu schaffen, und sich auch auf etwas zu freuen, was man eben nicht täglich hat.

Wer eine Menge als Richtwert möchte, findet diesen aber in den von Ernährungsgesellschaften entwickelten Ernährungspyramiden. Süßes und Fettes stehen auf der Spitze der Pyramiden, eine Portion am Tag – egal ob süßer oder salziger Snack – ist damit gemeint. Das heißt im Klartext: Wer gerne Grissini oder Cracker knabbert, kann das mit gutem Gewissen tun. Wer täglich nach dem Mittagessen genüsslich zu Keksen oder Schokolade greift, sollte nicht unbedingt am Abend mit Knabbereien weitermachen. Um aus weniger mehr zu machen, egal ob süßer oder salziger Snack, sollte man diesen möglichst bewusst genießen.

Und dann gilt es, gelassen zu bleiben. Die, die es ohnehin ernst nehmen, nehmen es oft zu ernst mit dem Maßhalten, während bei anderen das Gegenteil der Fall ist. Und schon gar nicht sollen sich die Gedanken permanent darum drehen, wieviel das richtige Maß ist.

Wie kann ich für mich und als Elternteil auch für meine Kinder darauf achten, dass wir (die Familie und ich) „richtig“ und „maßgenau“ genießen? Gibt es da hilfreiche Faustformeln oder Marker?

Ich glaube, man muss zwischen Alltagsgenüssen und besonderen Genüssen unterscheiden:

Alltagsgenüsse sind täglich möglich, gut und auch sehr wichtig, ohne dabei besondere Genüsse, die man nicht täglich hat, zu entwerten. Das ist für mich auch die Antwort zum „richtigen“ Genießen beim Essen. Wenn die täglichen Mahlzeiten – egal ob Frühstück, Mittagessen, Brotzeit oder Abendessen – schön aussehen und gut schmecken, bekommen Kekse, Schokolade oder Eis als Nachspeise keine so immense Bedeutung, und man ist mit einer kleinen Portion zufrieden. Ich bin so jemand, ich mag gerne einen süßen Bissen nach dem Mittagessen, brauche aber nicht viel davon. Mir geht es um den süßen Geschmack als Abschluss. Womit wir beim „maßgenau“ wären. Denn diese betreffen Alltagsgenüsse, und nicht die speziellen Anlässe.

Weihnachten ist nur einmal im Jahr – und es heißt nicht umsonst, dass man die überschüssigen Kilos nicht zwischen Weihnachten und Neujahr ansammelt, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten. Wer allerdings in dieser Zeit von Fest zu Fest tingelt, von Kindergeburtstagen bis zu Familienfeiern, und beim regelmäßigen Grillen ebenso über die Stränge schlägt, für den sind das keine speziellen, sondern regelmäßige Anlässe. Da gilt dann das „maßgenau“ wie beim Alltagsgenuss.

Eine Beobachtung mache ich aber oft: dass Kinder oft dann sehr (zu) viel Süßes essen, wenn sie sonst sehr wenig essen. Kleine Kinder sind oft sehr aktiv, und sie wachsen, die brauchen auch Energie. Das wird manchmal überschätzt, manchmal aber auch unterschätzt. Ein Kind, das ausreichend isst, hat auch weniger Heißhunger.

Ich bin davon überzeugt, dass das Genießen per se, unabhängig von der Art des Genusses, gesundheitsfördernd ist. Sich täglich Genussmomente zu schaffen ist  zutiefst nützlich, besonders an stressigen Tagen.

Warum gehören Süßwaren und Knabberartikel zum Genusserleben dazu?

Zu Ostern hat meine zweieinhalbjährige Tochter erstmals Schokoostereier bekommen. Sie hat sich wahnsinnig gefreut, als sie diese bei der Suche im Wald entdeckt hat. Das erste Ei hat sie selbst genüsslich verspeist, das zweite sofort ihrer älteren Cousine geschenkt, obwohl diese selbst auch Schokolade gefunden hat. Es ging meiner Tochter also nicht um Quantität. Einige Tage später hat sie in der KITA einen Schokolade-Osterhasen bekommen. Der wurde tagelang nicht ausgepackt, sondern täglich mit Freude (sprich: Genuss!) bewundert, und dann irgendwann mit Mama und Papa geteilt. Der Genuss des Osternestsuchens und des täglichen Betrachtens war genauso wichtig wie der Verzehr selbst. Meine Tochter bekommt auch sonst ab und zu Schokolade, und sie ist immer mit einer kleinen Portion zufrieden. So sieht sie es auch bei uns Eltern, und so lernt sie auch, mit sinnvollem Maß umzugehen.

Warum diese kleine Geschichte? Weil man maßhalten können lernen muss, das funktioniert nicht über Verbote. Später ist das auch bei ganz anderen Themen gefragt: was ist das richtige Maß am Arbeiten, Sport, Schlaf, Computer, Handy, …. Es gilt also, ein Gefühl des Maßes für alle Lebensfragen zu entwickeln. Das betrifft vor allem junge und mittlere Generationen.

Über Dr. Eva Derndorfer:

Dr. Eva Derndorfer ist Ernährungswissenschaftlerin in Wien. Sie ist Genuss-Expertin und Fachfrau im Bereich der Lebensmittelsensorik. Sie hat sich nach jahrelanger Berufserfahrung in Lebensmittelindustrie und Hochschulsektor als Beraterin selbstständig gemacht. Frau Dr. Derndorfer hält Sensorikschulungen für Firmen und Vereine, und unterrichtet an mehreren österreichischen Hochschulen. Als Diplom-Käsesommelière, Teesommelière und Kaffee-Expertin ist sie auch Autorin von Fachartikeln und hält Genuss-Workshops. Dr. Eva Derndorfer ist zudem mehrfache Buchautorin. www.evaderndorfer.at

 

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