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Wer Lebensmittel im Supermarkt ein­kauft, findet bei genauem Hinschauen bereits auf manchen Verpackungen eine Skalierung von A bis E, die in grel­len Farben von dunkelgrün bis dunkel­rot leuchtet. Hierbei handelt es sich um den sogenannten Nutri­-Score.

 

Gastbeitrag von Dr. Daniel Kofahl.

Es ist ein freiwilliges, die Nähwerttabelle ergän­zendes Nährwertkennzeichnungs­modell, das einzelne Lebensmittel mit jeweils einer Wertung aus diesem Ska­lenspektrum versieht. Diese Wertung soll Verbrauchern auf einen Blick in Sekundenschnelle Aufschluss über den ernährungsphysiologischen Wert des Lebensmittels geben (grünes A = beste Nährwertqualität bis rotes E = schlech­te Nährwertqualität). „Wissenschaft­lich“ legitimiert wird der Nutri­-Score durch einen ihm zugrunde liegenden Algorithmus. Es wäre freilich sehr be­eindruckend und vielleicht erschre­ckend zugleich, wenn man ein von so vielfältigen Facetten geprägtes Phäno­men wie die menschliche Ernährung einfach in ein fünfstufiges Farb­ und Buchstabenschema pressen könnte. Bei genauerem Hinsehen kann man aller­dings erkennen: Es ist ein weiterer un­nötiger und wissenschaftlich unausge­reifter Versuch, die Komplexität der Ernährung mit dem Holzhammer zu simplifizieren

Die Gesamternährung über einen längeren Zeitraum zählt

Es sind nicht einzelne Lebensmittel, die gut oder schlecht sind. Der Nutzen für die Gesundheit eines Menschen ergibt sich aus der von ihm insgesamt prakti­zierten Ernährung über einen längeren Zeitraum und nicht aus einzelnen Lebensmitteln, die zu einzelnen Zeit­punkten verzehrt werden. Deshalb werden auch Ernährungsempfehlun­gen stets für die gesamte Ernährung über längere Zeiträume konzipiert. Die „DGE­ Qualitätsstandards“, die „Kriterien für eine gesundheitsfördern­de und nachhaltige Verpflegung in Gemeinschaftseinrichtungen“ für die Zertifizierung von Essen zum Beispiel in Krankhäusern oder Betriebskantinen liefert, setzt „Menüzyklen“ von 4 Wo­chen (!) voraus. Auch Referenzwerte für einzelne Nährstoffe wie Fette, Kohlen­hydrate oder Vitamine sind so zu ver­stehen, dass der Wert stets durch die Gesamtheit der Ernährung zu erreichen ist. Die Ernährungspyramide beispiels­weise bildet solche Empfehlungen ab.

Unausgereifter wissenschaftlicher Ansatz des Nutri­-Score

Die Bewertung einzelner Lebensmittel hingegen kann nicht anhand von iso­lierten Referenzwerten stattfinden – genau dies macht aber der Nutri­-Score. Der Nutri­-Score bezieht sich nur auf einzelne Lebensmittel, setzt diese aber nicht ins Verhältnis zur gesamten Er­nährung. Außerdem berücksichtigt er in keiner Weise, welche Menge wie oft von dem jeweiligen Lebensmittel ver­zehrt wird – dies ist aber bedeutend im Kontext der Ernährung. Auch die Art der Zubereitung wird bei den Lebens­mitteln, die noch eine Weiterverarbei­tung im Haushalt erfahren, komplett ignoriert. Ferner werden im zugrunde­liegenden Algorithmus viele gesund­heitsförderliche Nährstoffe nicht be­achtet. Der Nutri­-Score bewertet also unterm Strich viel zu pauschal, wissen­schaftlich verkürzt, nicht transparent und irreführend und stellt somit nur scheinbar eine Hilfestellung für den Verbraucher dar.

Essen ist keine Medizin, sondern Kultur

Der Nutri­-Score reduziert Speisen und Lebensmittel zudem unzulässig auf ausgewählte ernährungsphysiologi­sche Faktoren. Ernährung ist aber mehr: Sie ist Tradition, Kulturpflege, Genuss. Niemand behauptet, dass man sich hauptsächlich oder allein von Pralinen oder Schweinespeck ernähren sollte. Solche einzelnen Produkte aber per se aufgrund eines zudem verkürzten Algo­rithmus mit einer „Alarmstufe Rot“ zu brandmarken, rückt gerade traditionel­le genussbringende Produkte in ein Licht, in das sie nicht gehören und ist geeignet, kleine und mittelständische Produzenten zu beschädigen.

Dr. Daniel Kofahl ist Ernährungssozio­loge und leitet das „Büro für Agrar­politik und Ernährungskultur – APEK“ in Kassel. Seit 2016 lehrt er Ernährungs­soziologie an der Universität Wien und ist seit 2013 Sprecher der AG Kulina­rische Ethnologie in der Deutschen Gesellschaft für Sozial­ und Kultur­anthropologie. Kofahl forscht zu Themen der Ernährungskultur, der Ernährungspolitik sowie zu sozialen Aspekten des Genießens.

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