Auf dem Bild zu sehen ist: Daniel_Kofahl

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Ein Plädoyer für genussvollen Pragmatismus und weniger Dogmatismus in der Ernährungskultur

In unserer Ernährungskultur macht sich eine Art Angstschwindel gegenüber Lebensmitteln und Inhaltsstoffen breit, der teils dogmatisch dazu genutzt wird, auch den Mitmenschen ihre Gelüste madig zu machen und der einer Verbotskultur Vorschub leistet. Fortschrittlicher wäre es, auf Ernährungsbildung von klein auf, Verständnis für Anderes und Anders-Essende sowie einen wertschätzenden Diskurs zu setzen. So gelingt dann auch Genuss!

Gastbeitrag von Dr. Daniel Kofahl

Der Mensch hat einen Hang zum Drama. Man schlägt die Zeitung auf, man öffnet Twitter, man schaltet die Abendnachrichten an und hat dabei seit Jahrzehnten das Gefühl, dass stets morgen die Welt untergeht und es uns grundsätzlich eher schlecht geht. Doch obwohl alle Fakten, die uns präsentiert werden, dafür zu sprechen scheinen, ist diese Prophezeiung bisher – scheinbar kontrafaktisch – nicht eingetreten. Zum Glück! Als Ursache für dieses Missverständnis muss man annehmen, dass uns in einem unausgewogenen Verhältnis zu oft und vorrangig die negativen Entwicklungen präsentiert werden und die Erfolge und Fortschritte eher als Nebensache Erwähnung finden. Das ergänzt sich damit, dass, wie Untersuchungen der letzten Jahre gezeigt haben, Menschen keineswegs zu einem „optimism bias“ neigen – also zum Beispiel die Chance eines Lottogewinns überschätzen –, sondern stattdessen schnell mal zu einer allzu pessimistischen Sicht auf die Dinge tendieren. Dabei hat die Gegenwart durchaus viele positive Errungenschaften für die in ihr lebenden Menschen zu bieten, um die sie frühere Generationen durchaus beneidet hätten. Die Erfolge reichen von einer konstant angestiegenen Lebenserwartung und niedriger Geburtensterblichkeit über technologische Erfindungen wie weltweite Echtzeitkommunikation und schnelle Züge bis hin zur konstanten Versorgung der Bevölkerung mit ausreichend Lebensmitteln, die zudem auch noch schmackhaft und so risikoarm sind, wie kaum zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Doch gerade der letzte Punkt, die alltägliche Ernährungspraxis, bringt inzwischen so manchen politisierenden „Suppenkasper“ auf den Plan, der sich angesichts der stets gut gefüllten Teller genau darüber mokiert – eben über den stets gut gefüllten Teller – und der Welt lautstark mitteilt: „Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!“ Es sei dahingestellt, ob es sich im Einzelfall tatsächlich um Suppe oder stattdessen vielleicht um Nudeln („Kohlenhydrate!“, „Gluten!“), Sahnetorte („Fett!“, „Zucker!“) oder Milch (“Laktose!“) handelt. Man könnte diese allerorten zu beobachtenden Fälle als individuelle Essstörungen einfach in den Aufgabenbereich der therapeutischen Psychologie verschieben, wenn sie sich denn auf den je eigenen Teller und je eigenen Appetit beschränken würden. Dem ist aber nicht so. Stattdessen handelt es sich um eine Art kollektive Kultur des Phobischen, eine Art alimentärer Angstschwindel, der sich auch in Ernährungsdogmatismen gegen die soziokulturelle Mitwelt richtet.

Anstatt den hierzulande erlangten Wohlstand anzuerkennen und sich nun der Entwicklung einer aus vielfältigen Quellen und aus vielen Küchen speisenden kulinarischen Genusskultur zu widmen, ist es ein Trend geworden, dem jeweils anderen seine Wünsche, Gelüste und Erfüllungsmöglichkeiten madig zu machen. Die Suche nach dem Haar in der Suppe des Tischnachbarn ist zum Volkssport geworden und die Praxis des Essens und Trinkens, also die Ernährungskultur, wird als Exklusionsinstrument, als soziales Trennmittel, genutzt.

Pragmatisch und gemeinsam

Dabei kann, wenn Menschen zusammen essen und trinken, also eine gemeinsame Mahlzeit einnehmen, dies einen enorm vergemeinschaftenden Effekt haben. Dies wusste schon Sozialphilosoph Georg Simmel in seinem 1910 veröffentlichten Aufsatz „Die Soziologie der Mahlzeit“ zu beschreiben:

Indem aber dieses primitiv Physiologische ein absolut allgemein Menschliches ist, wird es gerade zum Inhalt gemeinsamer Aktionen, das soziologische Gebilde der Mahlzeit entsteht, das gerade an die exklusive Selbstsucht des Essens eine Häufigkeit des Zusammenseins, eine Gewöhnung an das Vereinigtsein knüpft, wie sie durch höher gelegene und geistige Veranlassungen nur selten erreichbar ist.  Personen, die keinerlei spezielles Interesse teilen, können sich bei dem gemeinsamen Mahle finden – in dieser Möglichkeit, angeknüpft an die Primitivität und deshalb Durchgängigkeit des stofflichen Interesses, liegt die unermessliche soziologische Bedeutung der Mahlzeit.

Georg Simmel weist in dieser Analyse darauf hin, dass Essen und Trinken ein unabdingbar allen Menschen gemeinsames Bedürfnis ist und sich eben deshalb so hervorragend dafür eignet, diese Vergemeinschaftungsfunktion zu erfüllen. Das „primitiv Physiologische“ stellt sich hier als universeller Anlass für Geselligkeit dar, weil es einfach jede und jeder praktizieren muss. Man kommt nicht darum herum etwas zu essen und zu trinken, also kann man es auch ebenso gut in Gesellschaft tun. Selbstverständlich spricht nichts dagegen, auch einmal alleine zu essen, ob man nun durch äußere Umstände wie den beruflichen Terminkalender dazu gezwungen ist oder man einfach einmal die Stille genießen möchte. Doch es ist keineswegs nur eine der gesellschaftlichen Konventionen geschuldete Marotte, wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, welch ein Verlust entsteht, wenn die gemeinsame Mahlzeitenkultur erodiert. Die Möglichkeit, sich immer wieder am Tisch zusammenzufinden, die Speisen miteinander zu teilen und sich somit als Gruppe von Gleichen konstituieren zu können, ist von unschätzbarem gesellschaftlichem Wert. Nicht umsonst sagt man, dass bei einem gemeinsamen Mahl aus Feinden Freunde werden können oder – noch bemerkenswerter – sogar zerstrittene Familienmitglieder wieder miteinander ins Gespräch kommen können.

Mit zugeneigtem Interesse und einer von dem Wunsch nach Verständnis geprägten Aufmerksamkeit für Anderes, kann man nicht nur spannende, einem selbst bis dato unbekannte Speisen und Zubereitungsverfahren kennenlernen. Man kann zudem auch Elemente aus verschiedenen Esskulturwelten kombinieren und den Raum des alimentär Möglichen so beständig erweitern. Nicht Verbindung trotz Differenz, sondern Vergemeinschaftung dank Differenz wäre hier das leitende Prinzip. Ein Leitsatz, der zudem von einer pragmatischen Sicht auf die Dinge und die Welt gekennzeichnet ist, denn in einer hyperkomplexen Welt – und in einer solchen leben die Menschen in der Hochmoderne nun einmal unbestreitbar – ist es unmöglich, alles was es an Phänomen und Erscheinungen gibt, vollends zu verstehen oder in seinen Folgen abzuschätzen. Insofern ist die Toleranz gegenüber dem Anderen und das schließt den Anders-Essenden mit ein – eine Art Schutz sozialökologischer Kulturbiodiversität. Das pragmatische Gebot zur Vergemeinschaftung wäre also „Leben und leben lassen“, wie Schiller es in seinem Wallenstein schrieb, beziehungsweise hier: „Essen und essen lassen“.

Betonung des Trennenden

Essen und Trinken können aber nicht nur dazu dienen, freundschaftliche Bande zu festigen oder zu knüpfen. Berühmt berüchtigt sind Streits und Dramen, die beim Essen entstanden sind und den Teilnehmern den Appetit verleidet haben. Die falschen Worte oder die falschen Manieren, sie können das beste Essen ruinieren. Und was in den guten Zeiten des Überflusses noch verstärkt hinzuzukommen scheint: die falschen Speisen, als ginge es geradezu um religiöse Fragen der richtigen Lebensführung.

Als Verfechter einer solchen Verbotskultur sind beispielsweise die Diätapostel zu nennen, die immer wieder versuchen, ihre auf mal mehr oder mal weniger strengem Verzicht basierenden Kostregime an den Mann und noch viel öfter an die Frau zu bringen und damit bekanntlich vor allem (nächtlichen) Heißhungerattacken und dem Jojo-Effekt Vorschub leisten. Unbestritten sind die hohe Prävalenz von starkem und extremem Übergewicht und die Notwendigkeit, Betroffenen die gesundheitlichen Risiken aufzuzeigen, Angebote zu machen und Wege aufzuzeigen, Gewicht nachhaltig zu reduzieren. Diese jedoch allein aufs Essen und Trinken zu fokussieren, ist eine fahrlässige Vereinfachung eines komplexen Ursachengeflechts, die es auf persönliche Maßlosigkeit zurückführen und Schuldgefühle produzieren. Zusätzlich treten nun im staatspolitischen Habitus solche Moralunternehmer auf, die selbst auf den Verpackungen von Lebensmittel Kennzeichnungen anbringen, die den Konsumenten vor genau dem Lebensmittel warnen sollen, das er sich gerade in den Einkaufswagen legen will. Auch das aber ist absurd, denn schließlich hängt es nie an einer einzelnen Lebensmittelgruppe, an einzelnen Lebensmitteln oder gar Nährstoffen, ob die Ernährung eher gesundheitsfördernde oder der Gesundheit abträgliche Effekte hat. Das Einzige, was hier wirklich passiert, ist, dass den Menschen von alimentären Tugendwächtern Angst gemacht wird, wenn sie zu Lebensmitteln greifen, die die vermeintlich falsche Fett-, Zucker- und/oder Salzkonzentration aufweisen. Und: Genuss wird zu einer Sünde und Genießen zu etwas, was immer von einem schlechten Gewissen begleitet sein muss. Dabei gibt es für jeden von uns freilich gute Gründe, warum wir von Zeit zu Zeit ein Stück Cremetorte, Schokolade oder ein paar Grillwürste begehren.

Es ist der Siegeszug einer subtraktiven Ernährungskultur, den wir hier beobachten können. Also eine Ernährungskultur, deren Programmatik darin besteht, den Menschen durch dogmatische Moralismen und zielgerichtet den Appetit zu verderben. Von „dogmatischen Moralismen“ muss man deshalb sprechen, weil dies alles im Dienste einzelner, ausgewählter moralischer Werte geschieht, die zwar für sich genommen sicherlich etwas Gutes wollen – zum Beispiel Gesundheit, Tierwohl, Klimaschutz –, aber letztlich außer Acht lassen, dass die Welt komplexer ist, als dass man den Blick auf eine kleine Auswahl an Variablen oder gar auf einen einzelnen Aspekt des Lebens reduziert verengen kann, ohne dabei viele blinde Flecken in der Perspektive zu erzeugen.

Komplexitätsverweigerung ist kein Fortschritt

Für diejenigen, die meinen, es ganz genau zu wissen und sich ihrer Sache mehr als sicher sind, bietet es sich im allgegenwärtigen Dschungel komplexer Probleme und ihrer demokratischen sowie technisch-technologischen Behandlung geradezu an, die vermeintliche Abkürzung über Moral zu nehmen. Anstatt zeit- und energieaufwendige Wege einzuschlagen, landen daher auch weiterhin viele Debatten auf dem Holzweg „moralische[r] Aggression“. Dies eben auch im Bereich der Ernährung.

Vegan leben oder auch mal Fleisch essen? Der ganzen Menschheit per Dekret Fett-, Zucker- und Salzreiches verbieten? Ist die Gesundheit oberstes Gebot allen menschlichen Essens und Trinkens oder besitzen Tradition, kulturelle Gemeinschaft und individueller Genuss ebenso eine Berechtigung? Das sind Fragen, die derzeit mit teilweise so heftigen Vorwürfen und Denunziationen verknüpft diskutiert werden, dass leichthin offensichtlich wird, wie hier gänzlich andere Konflikte mitausgetragen werden. Es geht um schwierige Fragen von Fortschritt, Demokratie, Ökologie, Heimat, sozialem Zusammenleben, ökonomischer Organisation und mehr, die aber u. a. „ausgekämpft“ werden über die Frage, wer welche Lebensmittel aus welcher Produktion von welchen Produzenten bei wem einkauft und wie sie verzehrt werden. Dabei werden vermeintliche Schuldige pauschal für diverse unerwünschte Entwicklung in Haftung genommen: „die Lebensmittelindustrie“, „die Landwirtschaft“, „der Lebensmittelhandel“ und so weiter. Die Errungenschaften dieser alimentären Institutionen werden kurzerhand negiert und gleichzeitig wird die Attitüde „dagegen zu sein“ zur Tugend derjenigen, die man als konformistische Nonkonformisten beschreiben kann. Man lebt zwar gut und sicher innerhalb der bestehenden Verhältnisse, doch es gehört quasi zum guten Ton, über eben jene empört zu sein und sie undifferenziert als „affirmativ“, „zögerlich“ oder Schlimmeres zu diskreditieren.

Humanismus und Fortschritt durch Freiheit und Pragmatismus

Damit wird allerdings nur abgelenkt von der sachlichen Debatte, wie Probleme ökonomisch vernünftig, politisch verantwortungsvoll, sozialkulturell verträglich und technisch-technologisch innovativ angegangen werden können. Doch das sind komplizierte, anspruchsvolle und nicht selten sogar widersprüchliche Verfahren und nichts für „Ernährungsjakobiner“. Statt durch rigiden Dogmatismus das Trennende weiter zu betonen, wäre es fortschrittlicher, auf Transparenz, Verständnis für Anderes und Anders-Denkende sowie auf wertschätzenden Diskurs zu setzen. Auf allen Seiten muss das Problembewusstsein geschärft und sollten differenzierende Betrachtungen befördert werden. Mit Blick auf die Verbraucherseite wäre es notwendig, durch praktische Ernährungsbildung von klein auf Handlungskompetenzen zu stärken und so die Basis dafür zu schaffen, Zusammenhänge zu verstehen und für sich die richtigen Entscheidungen treffen können. Sind Verbraucher kompetent, verlieren auch Ernährungsdogmatiker an Überzeugungskraft und braucht es weder Reglementierungen noch Stigmatisierungen.

Es gibt längst einen Trend zum „intuitiven Essen“. Bewusst diätfrei macht sich eine neue Generation von Ernährungsbegeisterten auf, einen Mittelweg zwischen strengen Kostregimen und willkürlichem All-You-Can-Eat zu entwickeln. Mit der Disziplin, auf den eigenen Körper sowie auf die eigenen Wünsche zu hören und dabei die Ernährungskultur, so wie ist, anzunehmen und weiterzuentwickeln, bauen sie eine Kultur des mutigen alimentären Selbstvertrauens auf. Ganz pragmatisch, tolerant gegenüber sich selber und anderen, doch immer bereit, noch etwas dazuzulernen und zu verbessern. So gelingt Fortschritt, so gelingt Genuss, so gelingt Ernährungshumanismus.

Literaturhinweise:

  1. Shah P. et al. (2016): A pessimistic view of optimistic belief updating. In: Cognitive Psychology 90 (2016): 71–127
  2. Simmel G. (1910): Soziologie der Mahlzeit. In: Der Zeitgeist. Beiblatt zum Berliner Tageblatt Nr. 41, 10. Oktober 1910: 1–2. URL: http://socio.ch/sim/verschiedenes/1910/mahlzeit.htm (Letzter Zugriff: 07.10.2020)
  3. Gehlen A. (2016): Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik. Vittorio Klostermann: Frankfurt a.M.
  4. Bolz N. (2001): Die Konformisten des Andersseins: Ende der Kritik. Wilhelm Fink Verlag: München
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