Das Gehirn ist bei der Enstehung von Übergewicht wohl stärker beteiligt als bislang angenommen.

Das Gehirn: bei der Entstehung von Übergewicht wohl stärker beteiligt als bislang angenommen

Dass die Entstehung von Übergewicht und sogar Adipositas (Fettleibigkeit) auf ein komplexes Ursachengeflecht zurückzuführen ist und nicht nur auf einen Faktor, ist mittlerweile unumstritten. Das Konzert der Einfluss nehmenden Ursachen reicht von der genetischen Disposition und sozialer Prägung über Stress und Schlafmangel bis zu Fehlernährung und Bewegungsmangel. Jetzt rücken internationale Forscherteams verstärkt einen weiteren Aspekt ins Zentrum der Betrachtungen: die Rolle des Gehirns.

Weltweit leben mittlerweile über 1,9 Milliarden Menschen mit Übergewicht, davon mehr als 650 Millionen mit Adipositas. Die Fallzahlen wachsen seit drei Jahrzenten und betreffen häufig eher Männer und Jugendliche sowie Kinder. Mittlerweile sehen immer mehr Experten Fettleibigkeit als Erkrankung des Gehirns an. Grund ist ein Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch, also eine Disbalance von Input zu Output. Was erst einmal ganz einfach klingt, ist allerdings nicht so trivial. Denn auf die Frage, warum wir mehr essen als wir brauchen, verweisen Wissenschaftler verstärkt auf das Gehirn als Verantwortlichen.

Wir essen idealerweise nichts mehr, wenn Reize und Signale aus dem Magen-Darm-Trakt dem Gehirn signalisieren, dass der Magen gefüllt ist und ausreichend Makronährstoffe wie Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett vorhanden sind. Das sogenannte homöostatische Essverhalten stellt also ein Gleichgewicht zwischen Hunger und Sättigung her und managt ein gesundes Körpergewicht.

Gegen die Dauererregung von Neuronen

Untersuchungen haben gezeigt, dass das Gehirn fettleibiger Menschen auf Sättigungssignale durch Hormone wie Insulin und Leptin weniger sensibel reagiert. Kurz gesagt: Man merkt zu spät, dass man satt ist und isst über das ausgewogene Maß hinaus. Ursächlich dafür ist offenbar auch die Fähigkeit des Stoffwechsels, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen – genauer: Die Zellen der betroffenen Menschen verfügen über eine sogenannte Plastizität. Wissenschaftsautor Dr. Jochen Müller beschreibt das auf der Informationsplattform www.dasgehirn.info im Beitrag „Wenn Hunger und Genuss aus dem Gleichgewicht geraten“ so: „Sind Insulin- und Leptin-Konzentrationen nach einer Geburtstagskuchenorgie kurzfristig erhöht, ist das unproblematisch. Findet die Sause täglich statt, sind die Signalwirkstoffe dauerhaft erhöht und ihre Zielneurone dauerhaft erregt.“ Um nicht an Dauer-Überreizung „einzugehen“, würden unsere Nervenzellen die verantwortlichen Rezeptoren herunterregeln. So entstehe eine Insulin- bzw. eine Leptin-Resistenz, die bei den meisten Fettleibigen vorläge.

Kein einzelnes Adipositas-Gen und auch nicht der Umwelteinfluss per se

Nun könnte man annehmen, dass alle übergewichtigen Menschen mit Insulin-Resistenz auch einen Diabetes Typ 2 entwickeln. Dem ist aber offenbar nicht so. Professor Dr. Martin Heni, wissenschaftlicher Koordinator des Instituts für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (Stoffwechselerkrankungen) an der Universität Tübingen, erklärt auf www.dasgehirn.info: „Entscheidend ist (…) die Fähigkeit der Bauchspeicheldrüse, auf die Insulin-Resistenz zu reagieren“. Diese Fähigkeit sei uns nur zu einem kleinen Teil in die Wiege gelegt, so Autor Müller. Denn: „DAS Adipositas-Gen gibt es nicht. Stattdessen weist das Weißbuch Adipositas über 600 Erbanlagen auf, die darauf Einfluss haben können.“ Auch Umwelteinflüsse spielten jeweils für sich betrachtet wohl eine nur ungeordnete Rolle.

Anders sieht es jedoch aus, wenn solche Einflussfaktoren auf sich entwickelnde Kinder während der Schwangerschaft einwirken. Faktoren wie Fehlernährung haben nämlich signifikanten Einfluss auf die Entwicklung von Föten. Ist ein Fötus in einer bestimmten Entwicklungsphase einer Überernährung im Mutterleib ausgesetzt, kann dies zu einer dauerhaften Fehleinstellung wichtiger Zellen der Bauchspeicheldrüse führen. Das zeige, wie Krankheiten wie Diabetes angeboren sein können, ohne durch Gene vererbbar sein zu müssen, so Müller. Man spricht auch von fötaler Programmierung. Siehe hierzu auch WPD 01/2008; Weichenstellung im Mutterleib: Wie lebenslanges Übergewicht und Diabetes durch fetale und neonatale Überernährung vorprogrammiert werden“ von Prof. Dr. med. Andreas Plagemann, Klinik für Geburtsmedizin, Arbeitsgruppe „Experimentelle Geburtsmedizin“, Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Insulin in hoher Konzentration im Gehirn

Zentral ist: Insulin wirkt auch im Gehirn. Endokrinologe Jens Brüning, Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung und Poliklinik für Endokrinologie, Diabetologie und Präventivmedizin am Universitätsklinikum Köln, wird in einem Beitrag auf www.dasgehirn.info so zitiert: „Man hat das schon ziemlich lange vermutet, aber erst um die Jahrtausendwende konnten wir es endgültig nachweisen. (…) An Mäusen konnten wir zeigen, dass eine Inaktivierung von Insulinrezeptoren im Gehirn zu vermehrter Nahrungsaufnahme, Fettleibigkeit und gestörtem Zuckerstoffwechsel führt.“ Im Gehirn sei der Insulingehalt zwischen 10 und 100 Mal höher als im Blutplasma. Brüning und sein Team konnten Nervenzellpopulationen im Gehirn identifizieren und ihre Eigenschaften bestimmen, die Rezeptoren für das Hormon Insulin besitzen und somit das Essverhalten mit beeinflussen können. Mittlerweile gäbe es sogar Hinweise darauf, dass sich Insulin und der damit zusammenhängende Glukosehaushalt auch auf das Wachstum und die Bildung von neuen Nervenzellen auswirkten.

Weitere Einflussfaktoren für ein gestörtes Essverhalten

Insulin- und Leptin-Resistenzen werden auch durch andauernde niedrigschwellige Entzündungen im weißen Fettgewebe begünstigt. Solche Entzündungsreaktionen tragen bei Adipösen wohl in bedeutendem Ausmaß auch zu Folgeerkrankungen bei. Dazu zählen nicht nur Diabetes Typ 2, sondern auch Arterienverkalkung, Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen, Gelenkstörungen, Asthma und Fettstoffwechselstörungen. Darüber hinaus spielt das Darm-Mikrobiom ((siehe Beiträge auf diese Seite -> Links setzen)) als „heimlicher Influencer“ auf das Essverhalten und die Sättigung eine gewisse Rolle. Es gibt Hinweise darauf, dass Bakterien im Darm Substanzen ausschütten, die das Verhalten modifizieren – kurz gesagt: Es gibt einen durch das Darm-Mikrobiom beeinflussbaren Dialog zwischen Darm und Gehirn. Zudem darf das hedonistische Essverhalten nicht unterschätzt werden. Hier ist die soziale und somit erlernte Komponente des Essverhaltens gemeint. Müller erklärt das so: Das eher genussorientierte Essverhalten „(…) interagiert im Gehirn mit anderen Prozessen wie Belohnung und Emotionen. (…) Im Ergebnis kann das hedonistische System das homöostatische System kontrollieren.“ Geruch, Erwartung und die Vorstellung der Lieblingsspeise können folglich Sättigungsprozesse überspielen.

Und jetzt?

Wie ist solch einem komplexen multifaktoriellen Ursache-Wirkungsgeflecht effektiv beizukommen? Wenn wesentliche Ursachen für die Entstehung „von Übergewicht in veränderten Gehirnprozessen liegen, müsste eine kausal wirkende Therapie auch dort greifen“, schreibt Müller. Diäten sind da folglich keine geeigneten Werkzeuge. Sie wirken eher kurzfristig und die Rückfallquoten sind bekanntermaßen überwältigend hoch. Professor Heni stimmt ein: „Diäten sind im Alltag selten langfristig umsetzbar, und der Drang des Organismus, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, extrem stark.“ Es gibt also keine einfachen Lösungen. Es müssen Ess- und Lebensgewohnheiten dauerhaft umgestellt und immer wieder angepasst werden. Das wird nur mit einer zielführenden Kombination aus Maßnahmen wie Ernährungsbildung, Ernährungsberatung, psychologischer Begleitung – etwa mit Verhaltenstherapien – mehr Bewegung im Alltag und einem guten Entspannungsmanagement gelingen.  Experten verweisen vor allem immer wieder darauf, wie wichtig es ist, sich regelmäßig zu bewegen, gleich in welchem Alter. Bewegung ist einer der wesentlichen Schlüssel für ein selbstfürsorgliches Gesundheitsmanagement. Der tägliche Spaziergang um den Block oder im Stadtpark, eine kleine Tour mit dem Fahrrad, ein Set an Übungen zur Kräftigung der Bauch- und Rückenmuskulatur – all das tut gut. Auch wer unter andauerndem Stress leidet, wird von einem Plus an Bewegung, insbesondere von Ausdauersportarten, profitieren können. Entspannungsübungen und Genusstrainings nehmen von der Alltagslast. Genuss ist überdies eine Ressource für mehr Wohlbefinden, die häufig viel zu kurz kommt. Das Genießenkönnen erzeugt Glücksgefühle, schützt und macht uns widerstandsfähiger. Schon mit einigen kurzen, bewusst gesetzten Pausen im Alltag, mit Genussmomenten, schaffen wir uns Freiräume, in denen sich Entschleunigung und positive Emotionen einstellen können. Und: Diese Genussmomente können sich durch alle Lebensbereiche ziehen.

Zum Thema "Schlafmangel und Übergewicht" finden Sie hier ebenfalls einen spannenden Beitrag.

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