Die Capsaicine in roten Chilis können braunes Fett aktivieren und somit wohl dazu beitragen, Gewicht zu verlieren.

Die Capsaicine in roten Chilis können braunes Fett aktivieren und somit wohl dazu beitragen, Gewicht zu verlieren.

Braunes Fett gegen überschüssige Pfunde

Die Energiebilanz des menschlichen Stoffwechsels ist das Ergebnis eines äußerst komplexen Zusammenspiels verschiedenster Mechanismen und Prozesse, von denen viele immer noch nicht wirklich verstanden werden – sofern sie denn bis heute überhaupt entdeckt worden sind. Entsprechend liegt auch der Entstehung von Übergewicht ein komplexes Geflecht an Ursachen zugrunde, dem eben nicht mit einer Einheitszauberformel begegnet werden kann. Was rote Chilis mit braunem Fett zu tun haben, erklären wir im grauen Kasten weiter unten.

Forscherinnen und Forscher der Technischen Universität München (TUM) und des finnischen Forschungsinstituts Turku PET-Center haben einen neuen Mechanismus entdeckt, der unser Sättigungsempfinden steuert. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben laut einer Mitteilung im idw – Informationsdienst Wissenschaft vom 22. Juni 2021 herausgefunden, dass das Hormon Sekretin die Sättigung durch die Aktivierung des braunen Fettgewebes induziert.

Braunes Fettgewebe kann Nahrungsenergie in Wärme umwandeln. Dieser Vorgang wird als zitterfreie Thermogenese bezeichnet und dient kleinen Säugetieren und menschlichen Neugeborenen zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur. Was es bedeutet, dass Mahlzeiten die Thermogenese im braunen Fett erhöhen, war bisher unklar.

Hormon Sekretin erhöht den Energieverbrauch im ganzen Körper

Sekretin ist ein Hormon, das vom Darm in den Blutkreislauf abgesondert wird und die Produktion von Verdauungssäften in der Bauchspeicheldrüse anregt, wenn wir Mahlzeiten zu uns nehmen. Das Forschungsteam fand nun auch Sekretin-Rezeptoren im braunen Fettgewebe gesunder Menschen.

„Das deutet darauf hin, dass Sekretin auch das braune Fett beeinflusst. Sekretin-Infusionen steigerten in unseren Studien nicht nur die Glukoseaufnahme im braunen Fettgewebe, sondern erhöhten auch den Energieverbrauch im ganzen Körper“, sagt Sanna Laurila von der Universität Turku.

Humanexperiment zeigt, was den Appetit zügelt

Nachdem der Vorgang im Mausmodell belegt war, haben die Forschenden ein Experiment mit menschlichen Probandinnen und Probanden durchgeführt. Mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) entdeckten sie, dass Sekretin auch die Aktivität des Belohnungssystems im Gehirn verringerte. Wenn die Probandinnen und Probanden, denen Sekretin appliziert wurde, Fotos von appetitlich aussehenden Lebensmitteln betrachteten, war die Verlockung gehemmt, diese essen zu wollen.

Der verringerte Appetit der Probandinnen und Probanden konnte auch mit einer Fragebogenerhebung verifiziert werden. So war beispielsweise auch die Pause zwischen den Mahlzeiten gegenüber der Kontrollgruppe um 40 Minuten länger.

Mehr braunes Fett – bessere Gewichtskontrolle

Braunes Fett hat für die Gewichtskontrolle eine große Bedeutung, weil es Fett verbrennen kann, anstatt es zu speichern. „Allerdings hat der Mensch eine relativ geringe Menge an braunem Fett, sodass Stoffwechselvorteile wahrscheinlich nicht allein auf einen erhöhten Energieverbrauch zurückzuführen sind“, resümiert Professor Pirjo Nuutila, einer der beiden Seniorautoren der Studie. Laut Ärzteblatt vom 18. September 2020 konnte dennoch in einer Vielzahl von Studien offenbar festgestellt werden, dass Menschen mit viel aktivem braunen Fett tatsächlich schlanker sind als jene mit weniger braunem Fett.

„Dass das Hormon Sekretin die Sättigung beim Menschen beeinflusst, kann einer der Gründe für die vorteilhaften metabolischen Effekte des braunen Fettes sein, so Pirjo Nuutila.

Kontrolle der Energiebilanz wesentlich zur Eindämmung von Adipositas

„Diese Studie unterstreicht die funktionelle Bedeutung des menschlichen braunen Fettes bei der Kontrolle der Energiebilanz, da es sowohl die Nahrungsaufnahme als auch den Energieverbrauch beeinflusst“, sagt Martin Klingenspor, Professor für Molekulare Ernährungsmedizin an der TUM.

Der neu entdeckte Mechanismus, der die Sättigung kontrolliert, eröffnet neue Möglichkeiten für die Erforschung der Entwicklung, Vorbeugung und Behandlung von Adipositas. Welche Rolle Sekretin bei Stoffwechselstörungen wie dem metabolischen Syndrom, Adipositas und Typ-2-Diabetes spielt, muss noch genauer erforscht werden.

Die vollständige Studie kann hier kostenpflichtig heruntergeladen werden: https://www.nature.com/articles/s42255-021-00409-4

Zum Hintergrund:

Der Mensch verfügt wie fast alle Säugetiere grundsätzlich über zwei Arten von Fettgewebe: das weiße und das braune Fett. Während weißes Fett als Energiespeicher fungiert und maximal die Hälfte der menschlichen Körpermasse ausmachen kann, verbrennt minder stark vorhandenes braunes Fett aktiv Kalorien. So wird Wärme erzeugt, die vor Kälte schützt (Thermoregulation). Auch Muskelarbeit erzeugt Wärme. Nicht umsonst heißt es: Wenn Du fröstelst, beweg Dich ordentlich und bring Deinen Kreislauf in Schwung. Eine besondere Form muskulärer Aktivität ist das Zittern. Auch so kann der Mensch Wärme produzieren.

Die Körperheizung „braunes Fett“ funktioniert ganz ohne Muskelaktivität und durch Abbau von Fettsäuren und Glukose. Das nennt man zitterfreie Thermogenese. Der Prozess findet in den Kraftwerken menschlicher Zellen statt – in den Mitochondrien. Das braune Fett verfügt über besonders viele mitochondrienhaltige Zellen. Sie verleihen ihm die namensgebende gelb-bräunliche Farbe. Aber anders als die normalen Mitochondrien erzeugen die kleinen Kraftwerke im braunen Fett kein Adenosintriphosphat (ATP), den universellen Energieträger in lebenden Organismen. Die Mitochondrien im braunen Fett wandeln Glukose und Fett fast vollständig in Wärme um. Dafür ist eine biochemische Besonderheit verantwortlich.

Braunes Fett kennt man vor allem bei Neugeborenen und Säuglingen. Sie benötigen es zum Schutz gegen Auskühlung, denn lebenswichtige Temperatur regulierende Mechanismen sind noch nicht vollständig ausgeprägt (isolierendes weißes Fett, Kältezittern). Lange Zeit ging man davon aus, dass Erwachsene über keine braunen Fettzellen mehr verfügen (je älter desto weniger). Mittlerweile weiß man es besser. Und: Dank Positronen-Emissions-Tomographie (PET) im CT oder MRT können Mediziner heute braunes Fett auch in der Bildgebung darstellen.

Braunes Fett wird bei Kälte aktiviert. Auch Mahlzeiten können das. Und: Regelmäßige milde Kälteexposition kann womöglich das braune Fett im Körper vermehren. Ob das am Ende sogar therapeutisch funktionieren könnte (etwa im Kampf gegen Übergewicht oder zur Prophylaxe), ist noch nicht abschließend geklärt. Manche Experten schwören auf einen sogenannten thermogenen Lebensstil, in dem man sich bewusst regelmäßig u. a. kühleren und kalten Temperaturen aussetzt. Zudem setzen sie auf Lebensmittel, die braunes Fett aktivieren können, zum Beispiel rote Chilis bzw. die Capsaicine in roten Chilis. Oder auch die Capsinoide in Paprika. Manch einer setzt auch auf den Besuch von Kältekammern. 3 Minuten bei minus 85 Grad sollen ausreichen, um den Stoffwechsel anschließend gut eineinhalb Stunden auf Hochtouren arbeiten zu lassen. Solche Kammern werden häufiger zumindest für verschiedene medizinische Indikationen als günstig betrachtet – zum Beispiel zur Behandlung von Schmerz- und Rheumapatienten. 

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