Doch Schutz allein beantwortet eine entscheidende Frage nicht: Wie lernen junge Menschen, sich selbstständig, kritisch und verantwortungsvoll in dieser Medienwelt zu bewegen?
Denn Medien verändern sich schneller, als Regeln und Verbote ihnen folgen können. Neue Plattformen entstehen, Inhalte werden automatisiert erstellt und Algorithmen entscheiden mit darüber, was Nutzerinnen und Nutzer sehen. Umso wichtiger wird eine Fähigkeit, die nicht an ein bestimmtes Netzwerk oder eine bestimmte Technologie gebunden ist: Medienkompetenz.
KI verändert die Inhalte – nicht die Notwendigkeit, sie einzuordnen
Bilder, Texte, Stimmen und Videos können künstlich erzeugt werden und dabei zunehmend glaubwürdig erscheinen. „Die einfache Unterscheidung zwischen `echt´ und `gefälscht´ sowie von `menschengemacht´ oder `mit KI generiert´ wird damit immer schwieriger“, sagt Dr. Eveline Hipeli, Medienpädagogin und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH).
Umso wichtiger wird die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten: Woher stammt eine Information? Wer verbreitet sie? Welche Interessen könnten dahinterstehen? Gibt es weitere verlässliche Quellen? Warum wird mir gerade dieser Inhalt angezeigt? Und: Wem gehört ein Gedanke, ein Kunstwerk oder ein Text überhaupt in einer Zeit, wo KI verschiedene Quellen zu einem "eigenen Werk" bündeln kann?
Medienkompetenz bedeutet deshalb längst mehr, technische Tricks zum Erkennen von Manipulation sicher identifizieren zu können. „Sie bedeutet vielmehr, Informationen einordnen, Quellen bewerten und auch das eigene Medienverhalten kritisch reflektieren zu können“, so die Expertin.
Welche Rolle KI dabei spielt und was daraus für die Medienkompetenzförderung folgt, erläutert Dr. Eveline Hipeli, Medienpädagogin und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich, in unserer Reihe „Kurz & Klar“.
Schützen ist wichtig. Befähigen aber auch.
Noch grundsätzlicher wird die Frage bei der derzeitigen Diskussion über Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche. Dr. Hipeli gibt zu bedenken: „Altersgrenzen und Zugangsbeschränkungen können den Kontakt mit bestimmten Angeboten begrenzen. Sie vermitteln jedoch nicht automatisch die Fähigkeiten, die für einen späteren selbstständigen Umgang mit diesen Angeboten notwendig sind.“
Denn irgendwann müssen junge Menschen Entscheidungen selbst treffen: Welcher Quelle vertraue ich? Wie reagiere ich auf problematische Inhalte? Wann versuche ich, meine Aufmerksamkeit bewusst zu steuern? Wie gehe ich mit Werbung, Desinformation oder emotionalisierenden Beiträgen um? Und welche Folgen hat mein eigenes Handeln im Netz?
„Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, wann und wie oft Jugendliche bestimmte Medien nutzen dürfen. Ebenso wichtig ist, was sie bis dahin gelernt haben“, führt Dr. Eveline Hipeli weiter aus.
Eine nachhaltige Medienerziehung muss Kinder und Jugendliche schrittweise dazu befähigen, Risiken zu erkennen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für das eigene Medienverhalten zu übernehmen. Das ist aufwendiger als eine Zugangsbeschränkung oder Verbote, bei denen fraglich ist, wie sie überhaupt effektiv und sicher umgesetzt bzw. durchgesetzt werden können. Es schafft aber etwas, was technische Schranken allein nicht leisten können: Handlungskompetenz.
Wie Social-Media-Verbote aus medienpädagogischer Sicht einzuordnen sind, erklärt Dr. Eveline Hipeli im zweiten Video.
Mehr dazu im Video:
Medienkompetenz ist eine Voraussetzung für Selbstständigkeit
KI, Deepfakes, Soziale Netzwerke oder weitere heute noch unbekannte Plattformen verändern die Anforderungen an Mediennutzer immer wieder. Für jede neue Entwicklung eine eigene Verbotsregel oder Checkliste zu entwickeln, kann deshalb als einzige Maßnahme keine ausreichende Antwort sein.
Kinder und Jugendliche brauchen Orientierung und altersgerechten Schutz. Gleichzeitig brauchen sie Gelegenheiten, den kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit Medien zu erlernen. Dazu gehören Wissen, Reflexionsfähigkeit und die Fähigkeit, in konkreten Situationen selbst Entscheidungen zu treffen.
Daher lautet das Fazit der Expertin:
Die Vermittlung von Medien- und Handlungs-kompetenz ist deshalb keine zusätzliche Aufgabe für eine zunehmend digitale Welt. Sie ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass junge Menschen sich in dieser Welt selbstständig und verantwortungsbewusst bewegen können.
Weitere spannende Beiträge zum Thema und von und mit Dr. Eveline Hipeli gibt es hier und hier. Darüber hinaus empfehlen wir diesen Fachbeitrag unserer Gesprächspartnerin zum Thema “Kompetenzen statt Verbote – der Umgang Heranwachsender mit Werbung in einer digitalisierten Umwelt”, der die Hintergründe und Ziele der Verankerung des Lernfachs “Medienkompetenz” im Schweizer Schulalltag detailliert beschreibt.