Ansicht einer Hand, die ein Lärmmessgerät zeigt -- mit einem hohen dB-Messwert. Die Person steht offenbar auf einer Brücker, die eine Autobahn quert.

Studie belegt Zusammenhang zwischen Lärmbelastung und Fettverteilung

Lärmbelastung gilt als einer der größten umweltbedingten Risikofaktoren für Gesundheit. Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind in Europa rund 40 Prozent der Gesamtbevölkerung einer Lärmbelastung von über 55 Dezibel ausgesetzt, 30 Prozent sogar nachts. Die WHO schätzt, dass allein im Jahr 2011 etwa eine Million Menschen in Westeuropa an Folgen von Lärmbelastung gestorben sind. Nun hat ein Forscherteam des Forschungszentrums Helmholtz München und der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) in einer Studie erstmals den Zusammenhang von Lärmbelastung und Fettverteilung festgestellt.

Grundlage der Untersuchung waren Daten der NAKO Gesundheitsstudie, der größten Langzeit-Bevölkerungsstudie in Deutschland. Seit 2014 werden im Rahmen der NAKO regelmäßig 200.000 zufällig ausgewählte Menschen medizinisch untersucht und zu diversen Lebensstilfaktoren befragt. Ziel dabei ist es, anhand der erhobenen Daten Wissen über Häufigkeit, Ursachen und Risikofaktoren von Volkskrankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen zu gewinnen. 

Für die aktuelle Analyse wertete das Forschungsteam MRT-Bilder von 11.000 Teilnehmenden aus und korrelierte diese mit Lärmbelastungsdaten vom Europäischen Umweltinformations- und Umweltbeobachtungsnetzes, kurz EIONET.

Lärmstressbedingte Fettzunahme bereits in unschädlichen Dezibel-Bereichen

Die Ergebnisse zeigen: Bereits ein Anstieg der Lärmbelastung um 10 Dezibel korreliert mit einem höheren Fettgewebevolumen sowie einem erhöhten Leberfettgehalt. Teilweise war diese Korrelation sogar bei einer Lärmbelastung unter 53 Dezibel nachweisbar, „also im eigentlich noch unschädlichen Bereich“, so die NAKO-Wissenschaftlerin Fiona Niedermayer. Zudem konnte das Forscherteam keinen signifikanten Zusammenhang mit den anderen getesteten Faktoren wie sozioökonomischem Status und Lebensstilaspekten erkennen. Mit anderen Worten: Die gesundheitlichen Auswirkungen der Lärmbelastung auf das Fettgewebe und den Leberfettgehalt zeigen sich unabhängig davon, wie privilegiert eine Person lebt. 

Lärm erhöht das Risiko, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen zu entwickeln

Professor Dr. Annette Peters, seit dem Jahr 2018 Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum, betont: „Eine Zunahme der Fettgewebedepots und des Leberfettgehalts zeigt, dass Lärm Stoffwechselprozesse initiiert, die das Risiko für Typ-2-Diabetes und Herzkreislauferkrankungen erhöhen.“ Letztere gelten laut WHO nach wie vor als die häufigste Todesursache weltweit.

Zurückhaltende Studienergebnisse: gesundheitliche Belastungen womöglich noch größer

Die Studie bringt zwar wichtige Erkenntnisse, hat jedoch auch methodische Einschränkungen: Da Verkehrslärmdaten in Deutschland bislang nicht flächendeckend erhoben werden, lagen nicht für alle Teilnehmer konkreten Angaben zur Lärmbelastung an ihrem Wohnort vor. In diesen Fällen arbeitete das Forschungsteam in der Analyse mit einem Schätzwert von 40 Dezibel. Tatsächlich könnte die reale Belastung jedoch deutlich höher gewesen sein. Es wäre also möglich, dass Straßenlärm und erhöhtes Fettgewebe sogar noch stärker zusammenhängen, als es die aktuellen Ergebnisse nahelegen. Die Forscherinnen und Forscher plädieren daher für eine flächendeckende Erfassung von Verkehrslärm in Deutschland, um die gesundheitlichen Auswirkungen besser bewerten zu können. Auch das Festlegen klarer Grenzwerte, wie das bereits bei Luftverschmutzung gemacht wird, sollte aus Sicht des Forscherteams künftig stärker in den Fokus rücken. 

Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Studie, dass Straßenlärm mehr ist als ein bloßes Ärgernis. Unabhängig vom Lifestyle oder sozialem Status hat Lärmbelastung reale Auswirkungen auf das Fettgewebe, was wiederum zu einem erhöhten Risiko für Herzkreislauferkrankungen führen kann. Um das gesundheitliche Risiko realistisch einzuschätzen und für eine wirksame Vorbeugung zu sorgen, sollte die Lärmbelastung in Deutschland künftig regelmäßig und flächendeckend erfasst werden. 

Das Forschungsteam regt darüber hinaus an, weitere Studien durchzuführen, vor allem Längsschnittstudien, die sich konkret mit Verkehrslärmreduktion befassen und diese als zusätzlichen Weg zur Prävention von kardiometabolischen Erkrankungen auf Bevölkerungsebene bewerten.

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